Teil 1: Neurochemie der Angst: GABA, Serotonin und moderne Therapieoptionen
Teil 2: Die Rolle der Darmgesundheit bei Angststörungen
Das Zusammenspiel von Darm und Psyche stellt ein komplexes, lange unterschätztes Regulationssystem dar, das zunehmend in den Fokus der Forschung rückt. Über die bidirektionale Kommunikation der Darm–Hirn-Achse wirken intestinale Mikrobiota, neuronale Signale und immunologische Prozesse maßgeblich auf unsere psychische Gesundheit ein. Veränderungen der Darmflora werden dabei mit der Entstehung und Aufrechterhaltung von Angststörungen und depressiven Symptomen in Verbindung gebracht (7). Gleichzeitig wirkt sich psychischer Stress nachweislich auf die Darmfunktion und -barriere aus, was die enge wechselseitige Beziehung unterstreicht. Dieses dynamische Zusammenspiel eröffnet neue Perspektiven für ganzheitliche Therapieansätze, insbesondere im Kontext ernährungsmedizinischer und vitalstoffgestützter Interventionen (9).
Im Darm werden in erheblichem Umfang zentrale Neurotransmitter wie Serotonin und GABA gebildet (2), die entscheidend für die Darm–Hirn-Kommunikation sind. Serotonin moduliert neuronale Aktivität und Stimmung. Etwa 90 % des Serotonins entstehen in enteroendokrinen Zellen der Darmschleimhaut. Unter dem Einfluss von Nahrungsinhalten und Mikrobiom, insbesondere Lactobazillen und Bifidobakterien, wird Tryptophan enzymatisch über die Zwischenstufe 5-HTP in Serotonin umgewandelt (10). Serotonin reguliert nicht nur die Darmmotilität, sondern wirkt über neuronale Signalwege auch auf Stimmung und Emotion. Die Umsetzung von Tryptophan zu 5-HTP ist der geschwindigkeitsbestimmende Schritt, weshalb die Gabe von 5-HTP zur Serotoninsynthese so effizient und neuropsychologisch hilfreich ist (8).
GABA wird in signifikanten Mengen nicht nur im zentralen Nervensystem, sondern auch von bestimmten Darmbakterien synthetisiert (6). Als wichtigster inhibitorischer Neurotransmitter hemmt GABA exzitatorische neuronale Signale und kann dadurch beruhigende Effekte auf das zentrale Nervensystem ausüben. Die Zusammensetzung und Aktivität des Mikrobioms beeinflusst direkt die Produktion und Verfügbarkeit von GABA im Darm. Störungen oder Ungleichgewichte in der Darmflora können daher die GABA-vermittelten Signalwege modulieren und werden mit Angst- und Stressreaktionen sowie emotionaler Dysregulation in Verbindung gebracht.
Die Neurotransmitter im Darm wirken insbesondere über die Darm-Vagus-Hirn-Achse auf das zentrale Nervensystem. Etwa 90% der Signale laufen in einem bidirektionalen System vom Darm zum Gehirn, was die zentrale Rolle der Darmgesundheit für die psychisch-emotionale Balance unterstreicht. Mehrere Studien belegen (1)(5), dass GABA im Darm trotz eingeschränkter Blut-Hirn-Schranken-Gängigkeit über die vagale Achse das zentrale Nervensystem beeinflusst. Dadurch kann es neuronale Erregbarkeit dämpfen und zur Regulation von Angst- und Stressreaktionen beitragen. Dieser Aspekt unterstreicht die zentrale Rolle der Darmflora für die psychisch-emotionale Gesundheit und macht die gezielte Gabe von GABA, besonders auch bei Angststörungen, plausibel.
Alle Neurotransmitter des Gehirns (hemmende wie erregende) sind im Darm gefunden worden. Ein Gleichgewicht dieser Botenstoffe ist essenziell für eine optimale körperliche und geistige Gesundheit (K.-D. Runow)
Das Darmmikrobiom spielt eine zentrale Rolle in der bidirektionalen Kommunikation zwischen Darm und Gehirn und beeinflusst damit direkt psychische Prozesse. Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass Veränderungen in der Zusammensetzung der Darmflora mit Angststörungen, depressiven Symptomen und Stressreaktionen korrelieren (3). Deshalb wird der Darm auch zuweilen als zweites Gehirn und das Mikrobiom als Psychobiom bezeichnet. Auch über die Produktion von kurzkettigen Fettsäuren und Immunmodulatoren kann das Mikrobiom neuronale Signalwege modulieren und so Stimmung, Emotion und Stressverarbeitung beeinflussen. Probiotische Bakterien wie Lactobazillen und Bifidobakterien produzieren vor allem Acetat und Lactat, die als Substrate für andere Darmbakterien dienen, welche wiederum Butyrat und Propionat bilden. Auf diese Weise tragen sie indirekt zur Bildung kurzkettiger Fettsäuren (SCFAs) wie Acetat, Butyrat und Propionat bei (4). Diese üben direkte epigenetische Effekte aus, etwa auf die Expression von GABA-Rezeptoren und beeinflussen das emotionale Gleichgewicht sowie Aspekte wie die Schlafhygiene und das Risiko für Schlafstörungen.
Dysbiosen im Darm gehen häufig mit einem Mangel an kurzkettigen Fettsäuren (SCFAs) einher und begünstigen systemische Entzündungsprozesse. Typischerweise sind Bifidobakterien und Laktobazillen unterrepräsentiert, während pathogene Keime wie Clostridien oder Bacteroides dominanter werden.
Die Darmtherapie ist ein wesentlicher Baustein bei der Therapie von Erkrankungen durch psychisch-emotionale Imbalancen. Spezielle Probiotika wie Bifidobakterium longum oder Lactobacillus acidophilus reduzieren als gesundheitsförderliche Psychobiotika Stress, Angst und Depressionen über die Darm-Hirn-Achse
Zur Unterstützung des Mikrobioms, der Darmschleimhaut und damit des intestinal-neuronalen Netzwerks ist es sowohl prophylaktisch wie auch therapeutisch sinnvoll, das Darmmilieu gezielt zu fördern. Hierfür spielen probiotische und präbiotische Komponenten eine zentrale Rolle:
Probiotische Kulturen wie Lactobacillus reuteri, Bifidobakterium longum oder Lactobacillus acidophilus fördern ein antientzündliches Gleichgewicht im Mikrobiom und Darm.
Das Spektrum der B-Vitamine und Mineralstoffe wie Magnesium, Zink und Selen unterstützen die Gesundheit des Mikrobioms.
Aminosäuren wie Glycin, Cystein oder Methionin unterstützen die Darmbarriere und die Regeneration der Schleimhaut. L-Glutamin und 5-HTP tragen indirekt bzw. direkt als Vorläufer zur Biosynthese der Neurotransmitter GABA und Serotonin bei.
Ballaststoffe wie Akazienfaser dienen Darmbakterien als Substrat, aus dem sie auch kurzkettige Fettsäuren produzieren.
Die vorgestellten Bausteine fördern die Darmgesundheit – einen zentralen Schlüssel für psychisch-emotionale Balance – und eröffnen neue Perspektiven für ganzheitliche Therapieansätze. Phytokomponenten wie Safran und Curcuma fördern gleichermaßen Darmgesundheit und Psyche und werden in einem kommenden Extrablog näher vorgestellt.
(1) Almutairi et al.: The effect of oral GABA on the nervous system: Potential for therapeutic intervention (2024); Nutraceuticals 4(2):241-259
(2) Bieger W. und Neuner Kritikos. A.: Neurotrope Aminosäuren – Teil II; (2012) OM & Ernährung Nr. 139
(3) Brushet S. et al.: Gut feelings: the relations between depression. Anxiety, psychotropic drugs and the gut microbiome; (2023); Gut Microbes. 2023 Dec;15(2):2281360. doi: 10.1080/19490976.2023.2281360. Epub 2023 Nov 28. PMID: 38017662
(4) Colombo AV et al: Microbiota-derived short chain fatty acids modulate microglia and promote Abeta plaque deposition (2021); Elife. 2021 Apr 13;10:e59826. doi: 10.7554/eLife.59826. PMID: 33845942
(5) Hepsomali P. et al.: Effects of oral Gamma-Aminobutyric acid (GABA); Administration on stress and sleep in humans: A systematic review (2020), Front Neurosci. 17:14:923. doi: 10.3389/fnins.2020.00923.
(6) Neuner Kritikos A.: Gamma-Aminobuttersäure (GABA) – endokriner Mediator im Verdauungssystem (2019) OM & Ernährung. ‚5H12
(7) Schrodt C. et al. : The gut microbiome and depression: a review (2022); Nutr Neurosci 2023 Oct;26(10):953-959. doi: 10.1080/1028415X.2022.2111745. Epub 2022 Aug 30.
(8) Westerink et al.: Transport of 5-hydroxytryptophan (5-http) across the blood-brain barrier (2009) European Journal of Pharmacology; DOI: 10.1016/j.ejphar.2009.7.040
(9) Zell M. and Grundmann O.: An orthomolecular approach to the prevention and treatment of psychiatric disorders (2012) Advances in Mind-body Medicine, 26(2):14-28 PMID: 23341413
(10) www.zentrum-dergesundheit.de/bibliothek/koerper/hormonhaushalt/serotoninspiegel
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