Teil 1: Neurochemie der Angst: GABA, Serotonin und moderne Therapieoptionen
Teil 2: Die Rolle der Darmgesundheit bei Angststörungen
Angst ist ein essenzieller Bestandteil unseres Lebens: Als biologisches Warnsystem schützt sie uns vor Gefahr und hilft, angemessen zu reagieren – vorausgesetzt, sie bleibt an konkrete Situationen gebunden. Im Gegensatz dazu, insbesondere unter anhaltendem Stress, bei persönlichen Krisen oder gesellschaftlichen Unsicherheiten (Existenzängste, Kriegsangst, COVID) kann sich Angst verselbstständigen und dysfunktionale Charakterzüge annehmen. Weitere starke Stressoren sind Arbeitsüberlastung, Streit, veränderte Lebensumstände oder außergewöhnlich starke Stressoren wie der Tod eines nahestehenden Menschen oder eine Ehekrise. Angst verstärkt sich häufig durch Erwartungsangst und entwickelt nicht selten einen chronischen Charakter.
In dieser Form verliert Angst ihre ursprüngliche Schutzfunktion und wird zur Belastung: Sie verengt das Denken, schwächt die Resilienz und entzieht sich zunehmend rationaler Kontrolle. Das Angstmotiv tritt in den Vordergrund, bestimmt das Erleben und Handeln – und geht oft mit einer spürbar eingeschränkten Lebensqualität einher. Welche Rolle Angststörungen mittlerweile einnehmen, verdeutlichen Zahlen der Stiftung Gesundheitswissen, die dokumentieren, dass innerhalb eines Jahres ca. 20% der Frauen und 10% der Männer an Angststörungen erkranken (5). Zudem gibt es Statistiken, die eine stark steigende Zahl von Antidepressiva-Verordnungen (Antidepressiva werden meist als Anxiolytika gegen Angststörungen verordnet) dokumentieren (10).
„Epidemiologische Daten belegen, dass die globale Zahl und Krankheitslast von Angststörungen in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen ist – zwischen 1990 und 2021 nahmen altersstandardisierte Belastungsraten um über 18 % zu, und die absolute Zahl der Betroffenen wächst weiter, mit Prognosen von über 515 Millionen Fällen bis 2040.“(9)
Angststörungen, Depressionen oder auch Schlafstörungen treten häufig gemeinsam auf und sind auch teils schwer voneinander abzugrenzen. Häufig steckt ein Ungleichgewicht im autonomen Nervensystem dahinter: Der Sympathikus ist aktiv, der beruhigende Parasympathikus dagegen unterrepräsentiert. Dieses Ungleichgewicht kann sich unterschiedlich zeigen: von moderaten Symptomen wie flüchtigem Unwohlsein, diffusen Missempfindungen oder leichten Schlafstörungen bis hin zu starken Beschwerden wie Benommenheit, Atemnot, Hyperventilation, Herzrasen, Schwindel, Magen-Darm-Krämpfen oder schweren Schlafstörungen.
Zudem gibt es zahlreiche körperliche Erkrankungen mit engem Bezug zu Angststörungen (11,12) die oft systemisch wirken und den Körper in vielen Bereichen beeinflussen:
Kardiovaskulär: Angina pectoris, Arrhythmien, Herzinfarkt, Herzinsuffizienz, Hypertonie
Neurologisch: Migräne, Schlafstörungen, Epilepsie, vestibuläre Störungen
Respiratorisch: Asthma bronchiale, akute respiratorische Ereignisse (Lungenembolie)
Endokrinologisch: Hyperthyreose, Herzklopfen, Hyperkortisolismus (Angst, Agitiertheit)
Metabolisch: Diabetes Typ 2, Metabolisches Syndrom, mitochondriale Erkrankungen
Gastrointestinal: Magen-, Zwölffingerdarmgeschwür
Immunologisch: Autoimmunerkrankungen (systemischer Lupus erythematodes), allergische Erkrankungen
Bei den genannten Erkrankungen sollte stets geprüft werden, ob Angststörungen das Krankheitsgeschehen überlagern. Eine begleitende Behandlung – zum Beispiel durch orthomolekulare Eingriffe zur Stabilisierung des Neurotransmitterhaushalts – kann den Erfolg der Therapie körperlicher Erkrankungen deutlich optimieren.
Neurotransmitter sind die Botenstoffe der Synapsen und damit entscheidend für eine stabile Psyche. Besonders wichtig bei Angststörungen sind die dämpfenden Neurotransmitter Serotonin und GABA. Sind diese im Defizit, zeigen sich schnell Angst, innere Unruhe, Schlafprobleme, Zwänge oder erhöhte Schmerzempfindlichkeit.
Genetische Varianten wie Polymorphismen können die Biosynthese, Wiederaufnahme oder Rezeptorfunktion von Neurotransmittern wie Serotonin und GABA beeinflussen (6). Zusammen mit äußeren Triggern erhöhen sie die neuronale Erregbarkeit und damit die Anfälligkeit für psychische Probleme wie Angststörungen.
Was sich durch therapeutische Maßnahmen beeinflussen lässt, ist jedoch die Verfügbarkeit der Grundbausteine für Serotonin und GABA (5-HTP und Glutamin) und der enzymatischen Cofaktoren für die Biosynthese der Neurotransmitter. Die genannten Faktoren stellen die Ansatzpunkte für orthomolekular – therapeutische Strategien für die Wiederherstellung eines gesunden Gleichgewichts in der Neurotransmitterhomöostase dar (8).
Die meisten Medikamente bei Angststörungen sind darauf ausgerichtet, die Verfügbarkeit von Serotonin oder GABA zu erhöhen, wirken aber nur während der Einnahme und können Nebenwirkungen sowie Abhängigkeiten verursachen.
Studien zeigen, dass Ernährung‑ und orthomolekulare Ansätze – etwa gezielte Aminosäuren, Vitamine und Cofaktoren, die die Serotonin‑ und GABA‑Synthese unterstützen – die zugrundeliegenden neurobiologischen Mechanismen von Angst beeinflussen und so eine sinnvolle Ergänzung zu klassischen Therapien darstellen können (8).
Tryptophan ist der Ausgangsstoff für die Biosynthese von Serotonin. Die Zwischenstufe 5-HTP kann über das Enzym Decarboxylase, das Pyridoxal-5-Phosphat (Vitamin B6) als Cofaktor benötigt, zu Serotonin synthetisiert werden. Die Gabe von 5-HTP als Bestandteil von Griffonia simplicifolia ist effizienter als die Supplementierung von Tryptophan, weil dieses beim Transport über die Blut-Hirn-Schranke mit anderen Aminosäuren in Konkurrenz steht. 5-HTP ist blut-hirn-schranken-gängig (7) und kann daher effizienter zur Serotoninsynthese beitragen und den Serotoninspiegel auch unter weniger günstigen genetischen und metabolischen Bedingungen stabilisieren.
Neben Vitamin B6 als direkten Cofaktor bei der Umsetzung von 5-HTP zu Serotonin (3) spielen weitere Nährstoffe wie Zink, Magnesium und B-Vitamine eine indirekte Rolle im Stoffwechsel der Neurotransmitter.
GABA ist der bedeutendste inhibitorische Neurotransmitter. 20-50% aller Synapsen enthalten GABA-Rezeptoren. Der Neurotransmitter ist neuromodulierend, gerade auch bei Angst- und Panikstörungen. GABA wirkt ausgleichend zur Herunterregulierung exzitatorischer Neurotransmitter. Allerdings ist GABA selbst nicht Blut-Hirn-Schranken-gängig. Die Supplementierung von GABA ist dennoch durchaus wirkungsvoll, da es über den Nervus vagus im enterischen Nervensystem seine Wirkungen entfalten kann (1,4)). Ein anderer Weg, GABA-Defizite zu beheben, ist die Gabe der Vorstufe L-Glutamin (2), das über spezielle Transporterproteine Blut-Hirn-Schranken-gängig ist. L-Glutamin ist die inaktive Vorstufe bzw. die Transportform von Glutamat, das jedoch einen exzitatorischen Neurotransmitter darstellt. Deshalb ist Glutamin therapeutisch Glutamat vorzuziehen. Ein Mangel an L-Glutamin erhöht die Anfälligkeit für Stress, Reizbarkeit und Angststörungen. Neben GABA und seiner Vorstufe sind auch bei der Therapie von GABA-Defiziten verschiedene Cofaktoren und Modulatoren von Bedeutung. Auch hier sind es B-Vitamine, Vitamin C, Magnesium, Zink (enzymatischer Cofaktor) und Taurin (GABA-Rezeptor-Modulation).
Intelligente und pragmatische Formulierungen kombinieren die Vorstufen von Serotonin bzw. GABA mit den entsprechenden Cofaktoren und idealerweise phytotherapeutischen Komponenten. Besonders zu empfehlen ist eine orthomolekulare Intervention, die sich gleichzeitig auf Serotonin und GABA, also die beiden hemmenden Neurotransmitter bezieht. So wirken GABA und 5-HTP synergistisch. GABA wirkt als hemmender Neurotransmitter beruhigend auf das zentrale Nervensystem, während 5-HTP als Vorstufe von Serotonin die Stimmung stabilisiert und Angst reduziert. In Kombination können beide Substanzen synergistisch zur Entspannung beitragen, indem sie sowohl neuronale Übererregung dämpfen als auch das emotionale Gleichgewicht unterstützen.
In Teil 2 dieses Blogbeitrags werden Sie erfahren, welche Rolle die Darmgesundheit auf das Gehirn und speziell Angststörungen ausübt und wie Sie die hier vorgestellte, auf Neurotransmittern und Aminosäuren basierende Therapie weiter unterstützen können.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Vimeo. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie müssen den Inhalt von reCAPTCHA laden, um das Formular abzuschicken. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten mit Drittanbietern ausgetauscht werden.
Mehr Informationen