Über die Darm-Vagus-Hirn-Achse stehen Verdauungssystem, Immunsystem und zentrales Nervensystem in einem hochkomplexen Austausch. Gerät dieses Netzwerk durch chronische Entzündungen aus dem Gleichgewicht, kann das weitreichende Folgen haben – von gestörter Darmbarriere bis hin zu neuroinflammatorischen Prozessen im Gehirn. Genau hier setzt Phytotherapie mit gezielten pflanzlichen Wirkstoffen, deren Effekte zunehmend wissenschaftlich untersucht und in wissenschaftlichen Publikationen dokumentiert sind, an. Im Folgenden werden ausgewählte Phytokomponenten vorgestellt, die insbesondere im Kontext der Darmgesundheit und deren Wechselwirkungen mit der neuronalen Regulation über die Darm-Vagus-Hirn-Achse und damit auch die neuronale Gesundheit von Relevanz sind.
Der Vagusnerv bildet eine zentrale Kommunikationsachse zwischen Darm und Gehirn, über die Signale aus dem Mikrobiom, der Darmschleimhaut sowie hormonelle Faktoren kontinuierlich übermittelt werden. Entzündliche Prozesse im Darm können diese Signalübertragung dysregulieren, indem sie Stressachsen aktivieren und entzündliche Prozesse über die Freisetzung proinflammatorischer Zytokine fördern, die wiederum neuronale Funktionen beeinflussen.
Ein entscheidender Faktor ist die Integrität der intestinalen Mukosa. Eine Schädigung beeinträchtigt die Funktion der sogenannten Tight Junctions, die als Barriere zwischen den Epithelzellen fungieren. Eine erhöhte intestinale Permeabilität („Leaky Gut“) kann zur systemischen Verbreitung mikrobieller Bestandteile und entzündlicher Mediatoren führen und so entzündliche Prozesse über den Darm hinaus begünstigen.
Das Mikrobiom spielt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. Eine hohe mikrobielle Diversität und Stabilität fördert die Integrität der Darmbarriere, unterstützt die Produktion kurzkettiger Fettsäuren und trägt zur Regulation immunologischer Prozesse bei. Demgegenüber werden Dysbiosen mit chronisch-entzündlichen Zuständen, metabolischen Dysregulationen sowie neuropsychiatrischen und neurodegenerativen Erkrankungen assoziiert.
Ein gestörtes Mikrobiom kann zudem die Aktivität des Nervus vagus modulieren und proinflammatorische Signalwege verstärken, die bis ins zentrale Nervensystem wirken. Vor diesem Hintergrund wird die Darmgesundheit zunehmend als wesentlicher Faktor für neuronale und psychische Stabilität verstanden.
Die Blut-Hirn-Schranke stellt eine hochselektive Schutzbarriere gegenüber potenziell schädlichen Noxen dar. Im Kontext chronischer Entzündungen kann ihre Integrität jedoch beeinträchtigt werden, wodurch entzündliche Mediatoren und immunaktive Zellen ins zentrale Nervensystem gelangen und dort die Funktion von Mikroglia und Neuronen stören.
Dies begünstigt neuroinflammatorische Prozesse, die mit affektiven Störungen wie Depression und Angst sowie mit neurodegenerativen Erkrankungen assoziiert sind. Chronische Entzündung gilt entsprechend als relevanter Risikofaktor für Erkrankungen wie Alzheimer-Krankheit oder Parkinson-Krankheit.
Pflanzliche Wirkstoffe als Multi -Target – Talente wirken gleichzeitig entzündungshemmend (1), antioxidativ und immunmodulierend. Die Bedeutung sekundärer Pflanzenstoffe für das Darmmikrobiom (2) und für die neuronale Gesundheit ist gut dokumentiert. Einige besonders gesundheitlich relevanten phytogener Wirkstoffe seien kurz charakterisiert:
Flavonoide
Alleine den Bioflavonoiden aus der Gruppe der Polyphenole (z.B.-aus Traubenkernen, Helmkraut oder japanischem Schnurbaum) werden äusserts vielseitige gesundheitliche Benefits zugeschrieben (3)(4). Sie wirken stark antioxidativ und antientzündlich, unterstützen die Integrität der Darmbarriere und modulieren über zelluläre Wirkmechanismen zentrale Signalwege in Immun- und Nervenzellen. Zudem fungieren sie als Carrier und damit Bioverfügbarkeitsverstärker für Vitamine und Mineralstoffe und tragen so auch zur Stabilisierung der neuronalen Funktion und der Darm-Hirn-Achse bei.
Curcuminoide (aus Kurkuma)
Curcumin gehört zu den am besten untersuchten Pflanzenstoffen im Bereich Entzündung. (5) Es beeinflusst zahlreiche zentrale Signalwege wie NF-κB , wirkt systemisch und damit sowohl im Darm als auch im Nervensystem. Zudem gibt es Hinweise auf eine stabilisierende Wirkung auf die Darmbarriere und potenziell neuroprotektive Effekte. Entscheidend ist bei Curcuminoiden die Bioverfügbarkeit, die häufig deutlich eingeschränkt ist. Bei speziellen Formulierungen wie CureitR ist dagegen sichergestellt, dass die Curcuminoide in breiter Vielfalt zellulär verfügbar sind (6).
Weihrauch (Boswellia serrata)
Die enthaltenen Boswelliasäuren hemmen gezielt entzündungsfördernde Enzyme wie die 5-Lipoxygenase, die Expression des proentzündlichen Zytokins TNF-alpha und Cyclooxigenasen (COX-1, COX-2). Studien zeigen positive Effekte bei entzündlichen Darmerkrankungen (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa) (7) und darüber hinaus auch bei systemischen Entzündungsprozessen. Studien zeigen Wirksamkeit beim Einsatz gegen Autoimmunerkrankungen und chronisch entzündlichen Erkrankungen (rheumatische Arthritis, Bronchialasthma, Psoriasis)(8)
Oligomere Proanthocyanidine (OPCs aus Traubenkernen)
OPCs zählen zu den Polyphenolen und besitzen starke antioxidative Eigenschaften (9), wodurch die positiven gesundheitlichen Effekte erklärt werden. Sie neutralisieren freie Radikale und unterstützen die Gefäßfunktion. Die beobachteten positiven Effekte auf neurodegenerative Erkrankungen, Kognition und darüber hinaus lassen sich großteils auf antioxidative Eigenschaften, die Reduktion proinflammatorischer Zytokine und die Hemmung von Enzymen, die an Signaltransduktionsprozessen (Lipoxygenase, Cyclooxygenase) beteiligt sind, zurückführen.
Harpagosid (aus Teufelskralle)
Bekannt aus der Schmerztherapie, zeigt Harpagosid ebenfalls entzündungshemmende Effekte. Es kann insbesondere bei chronischen entzündlichen Zuständen und Schmerzen unterstützend wirken. Man geht davon aus, dass die Inhaltsstoffe der Teufelskralle die Freisetzung entzündungslösender Zytokine und inflammatorischer Prostaglandine hemmen (10). Extrakte aus der Teufelskralle werden häufig auch bei Verdauungsbeschwerden als Laxativum verwendet.
Silymarin (aus Mariendistel)
Silymarin besitzt eine ausgeprägte leberschützenden Wirkung, wirkt antioxidativ, entzündungsmodulierend und verbessert die Entgiftungsaktivität (11). Da die Leber eine zentrale Rolle im Entzündungs- und Entgiftungsstoffwechsel spielt, sind die Effekte systemischer Natur.
Safran
Safran (Crocus sativus) enthält bioaktive Verbindungen wie Crocin, Crocetin und Safranal, die sowohl im Darm als auch im Nervensystem wirksam sind. Für die Darmgesundheit zeigen Studien, dass Safran entzündungshemmend wirkt, die Darmbarriere stabilisieren und das Gleichgewicht des Mikrobioms positiv beeinflussen kann.
Über die sogenannte Darm-Hirn-Achse entfalten sich auch Effekte auf das Nervensystem: Safran besitzt antioxidative und neuroprotektive Eigenschaften, die neuronale Strukturen schützen und entzündliche Prozesse im Gehirn reduzieren können.
Im Bereich der mentalen Gesundheit wird Safran insbesondere mit stimmungsaufhellenden Effekten in Verbindung gebracht. Klinische Studien deuten darauf hin, dass Safran bei leichten bis moderaten depressiven Symptomen, Angstzuständen oder Schlafstörungen (12) unterstützend wirken kann, vermutlich durch eine Modulation der Neurotransmitterausschüttung, z.B. Serotonin und GABA.
Die Phytotherapie bietet einen vielversprechenden Ansatz im Umgang mit entzündungsbedingten Störungen entlang der Darm-Hirn-Achse. Die Kombination aus entzündungshemmenden, antioxidativen und Mikrobiom-modulierenden Effekten macht viele Pflanzenstoffe zu interessanten und effizienten Begleitern in Prävention und Therapie. Ihre Stärke liegt in der langfristigen Regulation komplexer Systeme – insbesondere dort, wo Darm, Immunsystem und Gehirn miteinander verknüpft sind.
(1) Neuner-Kritikos A.: Antiinflammatorisch wirksame Naturstoffe; OM & Ernährung (2018) SH09 20-28
(2) Irmler A.B.: Die Bedeutung sekundärer Pflanzenstoffe für das Darmmikrobiom; (2025) Comed (31); 20-23
(3) Neuner-Kritikos A.: Polyphenole; Angewandte Komplementärmedizin AKOM 02 / (2024)
(4) Romier B. et al.: Dietary polyphenols can modulate the intestinal inflammatory response; Nutr Rev. (2009) 67, 363-378
(5) Löffler B.-M.: Curcuminoide, Gingerole, Shogaole und Resveratrol in der präventiven Medizin; in: F.-W. Tiller: Silent Inflammation, ML Verlag, 2. Auflage (2025) 212-260
(6) Amalraij A. et al.: Preparation of a novel bioavailable curcuminoid formulation (Cureit™) using polar-nonpolar-sandwich (PNS) technology and its characterization and applications (2020); Materials Science and Engineering
(7) Madish A. et al.: Boswellia serrata for the treatment of collagenous colitis. A double blind, randomized, placebo-controlled, multicenter trial; Int. J. of Phytotherapy & Phytopharmacology (2008) 15/6-7, art 544
(8) Moussaieff A. und Mechoulam R.: Boswellia resin: from religious ceremonies to medical use; a review of in-vitro, in-vivo and clinical trials; J Pharm Pharmacol (2009) 61(10):1281-1293
(9) Bagchi D. et al.: Protective effects of grape seed proanthocyanidins and selected antioxidants against TPA-induced hepatic and brain lipid peroxidation and DNA fragmentation, and peritoneal macrophage activation in mice; Gen Pharmacol (1998) 30(5):771-776
(10) Fiebich BL.: Molecular targets of the antiinflammatory Harpagophytum procumbens (devil´s claw): inhibition of TNFɑ and COX-2 gene expression by preventing activation of AP-1; Phytother Res (2012) 26(6):806-811
(11) Das SK., Mukherjee S., Vasudevan DM.: Medicinal properties of milk thistle with special reference to silymarin – An overview; Natural Product Radiance (2008) 7(2):182-192
(12) Rafiei et al.: Saffron and sleep quality: A systemic review of randomized controlled trials; Nutr. Metab. Insights (2023) 18:16:11786388231160317
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