Burnout: Regeneration der HPA-Achse und Cortisolproduktion
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Schematische Darstellung der Zusammenhänge zwischen Burnout, chronischem Stress, HPA-Achse und Cortisolregulation.

Burnout – therapeutische Strategien zur Regeneration der HPA-Achse und der Cortisolproduktion

Burnout zählt heute zu den häufigsten Ursachen für Erschöpfung, Leistungsabfall und Arbeitsunfähigkeit (1). Im Mittelpunkt steht dabei eine chronische Dysregulation des neuroendokrinen Stresssystems. Insbesondere Veränderungen der HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse), des Cortisolhaushalts und der Neurotransmitter-Balance beeinträchtigen die Fähigkeit des Organismus, auf Belastungen angemessen zu reagieren.

Die HPA-Achse verbindet Gehirn und Nebennieren zu einem fein abgestimmten Regulationssystem, das die Freisetzung von Cortisol steuert und damit die hormonelle Anpassung des Organismus an körperliche und psychische Belastungen sowie insbesondere Stress ermöglicht. Solange dieses System intakt ist, kann der Körper Belastungen bewältigen und anschließend wieder in einen ausgeglichenen Ruhezustand zurückkehren. Chronischer Stress überfordert jedoch zunehmend diese Regulationsmechanismen und bildet damit eine Grundlage für die Entstehung eines Burnout-Syndroms (2,3,4).

Hypo-Cortisolismus und Cortisolresistenz – wenn das Stresshormon seine Wirkung verliert

Zu Beginn einer anhaltenden Stressbelastung steigt die Cortisolproduktion als Teil der physiologischen Stressantwort zunächst an. Hält die Aktivierung der HPA-Achse jedoch über längere Zeit an, kann ihre Regulationsfähigkeit zunehmend verloren gehen. Bei vielen Betroffenen entwickelt sich schließlich ein Hypocortisolismus, bei dem insbesondere der physiologische Peak der morgendlichen Produktion an Cortisol deutlich vermindert ist – ein typisches Merkmal fortgeschrittener Erschöpfungszustände, die in ein Burnout-Syndrom münden können (2,3).

Neben dieser verminderten Cortisolproduktion rückt zunehmend ein weiterer Mechanismus in den Fokus der Forschung: die Cortisolresistenz (5). Dabei sind die Cortisolspiegel häufig noch normal oder sogar erhöht, die Zielzellen sprechen jedoch nur unzureichend auf das Hormon an. Ursache ist vermutlich eine verminderte Empfindlichkeit beziehungsweise Regulation der Glukokortikoidrezeptoren infolge einer langanhaltenden Aktivierung des Stresssystems. Dies erinnert in Aspekten an die Insulinresistenz bei Diabetes 2.

Die Folgen von Hypocortisolismus und Cortisolresistenz reichen weit über das Stresssystem hinaus. Cortisol kann unter diesen physiologischen Bedingungen seine entzündungshemmende Wirkung nur noch eingeschränkt entfalten, wodurch niedriggradige chronische Entzündungen (silent inflammation) begünstigt werden. Gleichzeitig funktioniert die negative Rückkopplung der HPA-Achse nicht mehr zuverlässig, sodass der Organismus in einem Zustand dauerhafter Fehlregulation verbleibt. Diese gestörte Stressantwort wird heute als wesentlicher Mechanismus für die Chronifizierung von Burnout angesehen und kann auch erklären, weshalb viele Betroffene trotz scheinbar ausreichender Cortisolspiegel unter ausgeprägter Erschöpfung, verminderter Belastbarkeit und einer eingeschränkten Regenerationsfähigkeit leiden.

Vor diesem Hintergrund verfolgt die orthomolekulare Medizin einen weitergehenden Ansatz als eine rein symptomorientierte Therapie. Ziel ist es, die gestörten Regulationsmechanismen schrittweise wiederherzustellen.

The brain is the central organ of stress and adaptation.“
— Bruce S. McEwen (2007)

L-Glutamin, L-Tyrosin, Rhodiola rosea und EGCG – ein multimodaler Ansatz zur Unterstützung der Stressregulation

Die orthomolekulare Therapie verfolgt das Ziel, die komplexen Veränderungen des Stressstoffwechsels nicht über einen einzelnen Angriffspunkt, sondern auf mehreren Ebenen im Sinne einer Multi-Target-Strategie gleichzeitig zu beeinflussen. Im Mittelpunkt steht dabei insbesondere die Unterstützung der HPA-Achse und einer physiologischen Cortisolproduktion. Gleichzeitig gilt es, den erhöhten Bedarf an Neurotransmittern auszugleichen (4), sowie oxidativen und entzündlichen Belastungen entgegenzuwirken. Rezepturen, die auf L-Glutamin, L-Tyrosin, Rhodiola rosea und Epigallocatechingallat (EGCG) beruhen, ergänzen sich dabei zu einem synergistischen Konzept, das die unterschiedlichen Ebenen der Stressregulation gleichzeitig adressiert.

. Unter chronischem Stress steigt der Bedarf an dieser Aminosäure erheblich an. Neben seiner Bedeutung für die GABA-Synthese unterstützt L-Glutamin die Energieversorgung von Darmepithel, Immunzellen und auch der Nebennieren. Gerade letztere stehen bei Burnout unter einer langanhaltenden funktionellen Belastung (6).

Während L-Glutamin vor allem die Funktionsfähigkeit der Nebennieren unterstützt, liefert L-Tyrosin die Ausgangssubstanz für die Biosynthese der Katecholamine Dopamin, Noradrenalin und Adrenalin. Diese Neurotransmitter werden unter chronischem Stress in erhöhtem Maße verbraucht und stehen in enger funktioneller Beziehung zum Cortisolstoffwechsel. Nur wenn beide Systeme – Katecholamine und Cortisol – harmonisch zusammenarbeiten, kann der Organismus angemessen auf Belastungen reagieren. Eine ausreichende Tyrosinversorgung kann daher die physiologische Stressantwort unterstützen, was Auswirkungen auf Konzentration, Motivation und mentale Leistungsfähigkeit (7) haben kann.

Eine zentrale Rolle innerhalb dieses Konzeptes übernimmt Rhodiola rosea (8). Die Rosenwurz zählt zu den am besten untersuchten Adaptogenen und wirkt regulierend auf die HPA-Achse. Studien zeigen, dass Rhodiola die Anpassungsfähigkeit des Organismus an chronischen Stress verbessern, Erschöpfung vermindern kann. Gerade bei Burnout mit verminderter Cortisolproduktion erscheint dieser Effekt besonders bedeutsam, da Rhodiola nicht stimulierend im klassischen Sinne wirkt, sondern zu einer verbesserten Anpassung an Stress beiträgt. Gleichzeitig gibt es Hinweise, dass es zur Stabilisierung der Katecholaminsynthese beiträgt und damit die Wirkung von L-Tyrosin ergänzt.

Ergänzt wird dieses Konzept durch EGCG, das wichtigste Polyphenol des grünen Tees. Chronischer Neurostress führt zu chronischem oxidativem Stress und damit zu mitochondrialen Funktionsstörungen und zu Silent Inflammation. EGCG wirkt diesen Veränderungen durch seine antioxidativen, entzündungsmodulierenden und neuroprotektiven Eigenschaften entgegen (9). Aufgrund seiner biologischen Eigenschaften könnte EGCG dazu beitragen, zelluläre Anpassungsprozesse unter chronischer Stressbelastung zu unterstützen.

Das synergistische „Zusammenwirken“ der beschriebenen Komponenten macht den therapeutischen Ansatz besonders überzeugend. Die Kombination der beschriebenen Substanzen basiert auf der Annahme, dass unterschiedliche Mechanismen der Stressphysiologie gleichzeitig adressiert werden können. Damit verfolgt das Konzept einen multimodalen Ansatz zur Unterstützung der physiologischen Stressadaptation.

Nicht der Stress selbst, sondern die gestörte Fähigkeit zur Anpassung entscheidet über die Entwicklung chronischer Erschöpfungszustände. Allostasis is the process of achieving stability through change.“
— Bruce S. McEwen & Joseph C. Wingfield (2003)

Ginseng, Süßholzwurzelextrakt und Pantothensäure – gezielte Unterstützung der Cortisolproduktion bei Burnout

Während L-Glutamin, L-Tyrosin und EGCG vor allem verschiedene Aspekte der Stressadaption adressieren, verfolgt die Kombination aus Ginseng, Pantothensäure und Süßholzwurzelextrakt ein noch spezifischeres Ziel: die physiologische Cortisolproduktion und Cortisolverfügbarkeit bei Burnout und Hypocortisolismus gezielt zu fördern. Gerade in fortgeschrittenen Erschöpfungszuständen reicht eine allgemeine Stabilisierung des Stresssystems häufig nicht mehr aus. Vielmehr gilt es, die Nebennierenfunktion zu unterstützen und die verminderte Cortisolaktivität wieder in einen physiologischen Bereich zurückzuführen. Die drei Komponenten greifen dabei an unterschiedlichen Stellen des Cortisolstoffwechsels an und ergänzen sich in idealer Weise.

Ginseng zählt zu den am besten untersuchten Adaptogenen und verbessert die Fähigkeit des Organismus, sich an körperliche und psychische Belastungen anzupassen. Im Gegensatz zu klassischen Stimulanzien führt Ginseng nicht zu einer überschießenden Aktivierung, sondern unterstützt die Regulationsfähigkeit der HPA-Achse (10). Dadurch kann die Nebennierenfunktion stabilisiert und die körpereigene Cortisolproduktion adaptiv, insbesondere bei funktioneller Erschöpfung wieder angepasst werden. Gleichzeitig verbessert Ginseng die Energiebereitstellung und trägt dazu bei, körperliche und geistige Leistungsfähigkeit schrittweise zurückzugewinnen.

Pantothensäure (Vitamin B5) ergänzt diesen Effekt auf biochemischer Ebene (11). Als essenzieller Bestandteil des Coenzyms A ist sie unverzichtbar für die Synthese von Steroidhormonen und damit auch von Cortisol. Gleichzeitig unterstützt sie zahlreiche enzymatische Reaktionen des Energiestoffwechsels sowie die Bildung wichtiger Neurotransmitter. Eine ausreichende Versorgung mit Pantothensäure schafft somit die metabolischen Voraussetzungen dafür, dass die Nebennieren den erhöhten Anforderungen chronischer Stressbelastungen wieder besser gerecht werden und eine physiologische Cortisolproduktion aufrechterhalten können.

Adaptogens are stress-protective compounds capable of increasing resilience and survival by activating adaptive stress responses.“
— Alexander Panossian (2017)

Eine Schlüsselrolle innerhalb dieses Konzeptes nimmt Süßholzwurzelextrakt ein. Sein Hauptinhaltsstoff Glycyrrhizin hemmt das Enzym 11β-Hydroxysteroid-Dehydrogenase Typ 2, das biologisch aktives Cortisol in das deutlich weniger wirksame Cortison umwandelt. Dadurch bleibt körpereigenes Cortisol länger verfügbar und kann seine physiologischen Wirkungen effektiver entfalten. Gerade bei Burnout-Patienten mit Hypocortisolismus oder verminderter Cortisolaktivität kann dieser Mechanismus die Wirkung des vorhandenen Cortisols deutlich verstärken und damit wesentlich zur Verbesserung der Stressregulation beitragen (12).

Da Süßholzwurzelextrakt die Cortisolwirkung gezielt erhöht, sollte sein Einsatz jedoch individuell angepasst erfolgen. Insbesondere bei Patienten mit arterieller Hypertonie, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder einer Neigung zu Hypokaliämie ist Vorsicht geboten, da Glycyrrhizin den Blutdruck erhöhen und den Elektrolythaushalt beeinflussen kann. Aus therapeutischer Sicht empfiehlt sich daher häufig eine einschleichende Dosierung, um Verträglichkeit und individuelle Reaktion sorgfältig zu beurteilen und die Dosis schrittweise an den klinischen Verlauf anzupassen.

Die Kombination dieser Substanzen beruht auf sich ergänzenden Wirkmechanismen, die verschiedene Prozesse der neuroendokrinen Stressantwort unterstützen können. Während Ginseng die Regulationsfähigkeit der HPA-Achse verbessert, liefert Pantothensäure die biochemischen Voraussetzungen für eine ausreichende Cortisolsynthese. Süßholzwurzelextrakt erhöht zusätzlich die biologische Verfügbarkeit des gebildeten Cortisols. Dadurch werden sowohl die Produktion als auch die Wirksamkeit des körpereigenen Cortisols gleichzeitig unterstützt – ein Ansatz, der insbesondere bei Burnout mit Hypocortisolismus therapeutisch von besonderem Interesse ist.

Quellen:
(1) Robert Koch-Institut Berlin: Dt. Ärzteblatt (2013) 110:A269–A270
(2) Bieger W.: Chronischer Stress; in: Causamedic – Sonderheft „Stress und Burnout“
(3) Neuner-Kritikos A.: Stress belastet – Die Aminosäure-Therapie nach Dr. Bieger von Neurolab; in: Causamedic – Sonderheft „Stress und Burnout“
(4) Bieger W.P. und Neuner A.: Neurotrope Aminosäuren – Teil 1; Orthomolekulare Medizin und Ernährung (2011) 137:18–23
(5) Bieger W.P. und Neuner A.: Neurotrope Aminosäuren – Teil 2; Orthomolekulare Medizin und Ernährung (2012) 139:25–31
(6) Miller A.H., Maletic V. und Raison C.L.: Inflammation and its discontents: The role of cytokines in the pathophysiology of major depression; Annals of the New York Academy of Sciences (2007) 1113:105–135
(7) Bieger W. und Neuner A.: Pathophysiologie von Neurostress; Zeitschrift für Orthomolekulare Medizin (2006) 4:12–16
(8) Roiser J.P. et al.: The subjective and cognitive effects of acute phenylalanine and tyrosine depletion in patients recovered from depression; Neuropsychopharmacology (2005) 30(4):775–785
(9) Panossian A. et al.: Rosenroot (Rhodiola rosea): Traditional use, chemical composition, pharmacology and clinical efficacy; Phytomedicine (2010) 17(7):481–493
(10) Cabrera C., Artacho R. und Giménez R.: Beneficial effects of green tea – A review; Journal of the American College of Nutrition (2006) 25(2):79–99
(11) Ong W.Y. et al.: Protective effects of ginseng on neurological disorders; Frontiers in Aging Neuroscience (2015) 7:129
(12) Miller J.W. und Rucker R.B.: Pantothenic Acid; in: Marriott B.P., Birt D.F., Stallings V.A. und Yates A.A. (Hrsg.): Present Knowledge in Nutrition – Basic Nutrition and Metabolism, 11. Aufl., Elsevier (2020), Bd. 1, S. 273–287
(13) Kwon Y.J., Son D.H., Chung T.H. und Lee Y.J.: A Review of the Pharmacological Efficacy and Safety of Licorice Root from Corroborative Clinical Trial Findings; Journal of Medicinal Food (2020) 23(1):12–20